Krieger gegen den Müll – Die Waste Warriors im Himalaya

Millionen von Touristen kommen jedes Jahr nach Dharamshala, um der Hitze im indischen Subkontinent zu entfliehen. Die Umweltorganisation Waste Warriors sorgt mit Aufklärungsarbeit und Aufräumaktionen für saubere Berglandschaften.

Die kleinen Straßen sind voll mit bunten Marktständen; die Gebetsmühlen, Räucherstäbchen, Statuen der verschiedensten Gottheiten und Stoffe mit buddhistischen und hinduistischen Motiven anbieten. Hier oben in McLeod Ganj, dem populärsten Teil der Bergstadt Dharamshala hat der Dalai Lama sein Exil gefunden. Buddhisten und spirituelle Menschen aus aller Welt pilgern regelmäßig hierhin, um die Ruhe zur Meditation zu nutzen. Oder sie belegen einen der vielen Yogakurse oder Workshops für zahlreiche spirituelle Techniken zur Selbstfindung. Für die indischen Touristen sind Dharamshala und andere Ortschaften im Bundesstaat Himachal Pradesh vor allem Zufluchten vor der brutalen Sommerhitze. Während es in vielen anderen Teilen Indiens von Mai bis August regelmäßig über 40 Grad werden, finden hitzegeplagte Städter aus Delhi und Mumbai hier im Vorgebirge des Himalayas Ruhe, Natur und angenehme Temperaturen. Die frische, waldige Bergluft lockte allein 2017 knapp drei Millionen Besucher in den Kangra-Bezirk, der etwa ein Zehntel der Fläche von Himachal Pradesh ausmacht. Fast zwei Drittel der Besucher kommen aus dem Inland.

Naturparadies Dharamshala

Wer sich in den geschäftigen Straßen McLeod Ganjs genug mit Devotionalien eingedeckt hat, kann weiter nach oben gehen, wo die Wege steiler und die Häuser spärlicher werden. Die Siedlungen Bhagsu und Dharamkot sind besetzt mit Hostels, Gasthäusern und kleinen Restaurants mit psychedelischem Flair und Namen wie Astral Space oder Monkey Mind. Zwischen den schieferbedachten Häuschen grasen Kühe und Bergziegen, Adler wachen über die Lüfte und mit etwas Glück kann man einen Mungo erspähen, der in den Büschen Jagd auf Schlangen macht. Von hier aus lassen sich einige schöne Wanderungen unternehmen. Die beliebteste ist der Triund-Trek. Über einen vorgegebenen Weg kann man durch Zedern- und Rhododendronwälder bis zur Schneegrenze auf etwa 2.900 Höhenmeter kommen und sagenhafte Ausblicke auf die Gebirgsfront und das Kangra-Tal bekommen. Viele nehmen die Gelegenheit wahr, ein Zelt zu mieten und hier oben Sonnenuntergang und -aufgang zu genießen.

Die Wanderroute ist verhältnismäßig einfach, selbst gemütliche Wanderer kommen innerhalb von vier Stunden nach oben. Umso überraschender ist es, wie sauber der Weg im Vergleich zu manch anderer Bergstraße ist. Keine achtlos weggeworfenen Plastikflaschen säumen den Weg, keine Verpackungen haben sich in den Pflanzen verheddert. Und das, obwohl hier in der Hochsaison jede Woche hunderte Junggesellengruppen und Familien hinaufkommen, die nicht immer dafür bekannt sind, Plätze in freier Wildbahn tadellos zu hinterlassen.

Aktionismus mit der Müllzange

Eine große Verantwortung hierfür tragen die lokalen Krieger gegen den Müll, die Waste Warriors. Diese NGO hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Himalaya-Region vom Müll zu befreien, ein vernünftiges Abfallmanagement durchzusetzen und Einheimische als auch Touristen über korrekte Mülltrennung und -entsorgung aufzuklären. Ihre Anfänge nahm die Organisation Ende 2008, durch Jodie Underhill, einer Touristin, die begeistert von den Landschaften des indischen Himalayas war. Aber auch schockiert von den Plastikabfällen an den Wegesrändern. Sie organisierte ein gemeinschaftliches Großreinemachen und konnte über hundert Freiwillige dafür gewinnen. Seitdem kann sich jeder der möchte, an wöchentlich stattfindenden Aktionen der Waste Warriors beteiligen. Hierbei werden die beliebtesten lokalen Wanderstrecken, öffentliche Straßen und Plätze in den Siedlungen mit der Müllzange in der Hand gereinigt. So kann man die Aussicht gemeinsam mit netten Menschen genießen und beim Wandern etwas Gutes für die Natur tun.

In vielen Teilen von Dharamshala übernehmen die Waste Warriors inzwischen Aufgaben, die eigentlich staatliche Abfallentsorger übernehmen sollten. Sie stellen wiederverwendbare Müllsäcke zur Verfügung, haben an zahlreichen Stellen öffentliche Abfalleimer eingerichtet, die sie regelmäßig leeren und sie holen die gesammelten Abfälle von vielen Hotels und Restaurants ab. Dazu basteln die Volunteers Plakate und malen Mauerbilder, die über Recycling und verantwortungsvolles Abfallmanagement aufklären. Als sie anfingen, wussten viele Anwohner noch gar nicht, dass beim Müll zwischen wiederverwertbaren Materialien und Organischem getrennt werden sollte. Heute geben die Geschäfte nur noch Tüten aus Textil heraus, viele Restaurants beteiligen sich an der No-Straw-Initiative und haben Plastikstrohhalme verbannt.

Die meisten Abfälle kommen auf eine Sammelstelle in der Siedlung Bhagsu. Gleichzeitig ist hier der größte Verkehrsknoten in der Umgebung. Jedes Auto, Motorrad und Tuktuk muss durch dieses verstopfte Nadelöhr. Als Fußgänger ist es ratsam, zu Stoßzeiten einen Atemschutz zur Hand zu haben. Alles was nicht vorher schon separiert (oder illegal auf den Feldern verbrannt) wurde, wird hier, so gut es geht, von Hand getrennt. Laster der staatlichen Müllabfuhr bringen die Säcke dann nach unten. Nichtverwertbarer Restmüll landet in einer Müllhalde in Lower Dharamshala und Mehrwegverpackungen gelangen über Händler in Recyclinganlagen in den südlich gelegenen Bundesstaat Punjab.

  • Der Triund-Trek ist die beliebteste Wanderroute in Dharamshala und führt zu spektakulären Berglandschaften

  • Regenfälle in den Bergen befördern achtlos weggeworfene Abfälle in die natürlichen Gewässer

  • Wie hier in Bhagsu gibt es in den meisten Orten in Indien kaum ausreichendes Abfallmanagement

  • Der zentrale Platz in Bhagsu muss als Parkplatz und Müllkippe dienen

  • Tatkräftige Waste Warriors in ihrem Hauptquartier in Bhagsu, Dharamshala: Praktikant Kartik und Operations Manager Yogesh (mitte v.l.n.r.)

  • Der Bhagsu Wasserfall ist eine weitere Sehenswürdigkeit, dessen Wege regelmäßig von den Waste Warriors gereinigt werden

Hürden im Kampf gegen Verschmutzung

Von der indischen Zentralregierung kommt keine direkte Hilfe für die Umweltschützer. In Indien sind Unternehmen durch die Corporate Social Responsibility Regelung (CSR) dazu verpflichtet, Abgaben für bestimmte NGOs zu leisten. So finanzieren die Waste Warriors sich hauptsächlich durch die Hilfe von Sponsoren wie der H.T. Parekh Foundation, einer Stiftung, die zum großen Finanzunternehmen HDFC gehört. Deshalb können die Grünhemden neben den Volunteer-Aktionen, zu denen Locals und Touristen gleichermaßen beitragen, auch eigene Lohnarbeiter einstellen, die für das Sammeln der Müllsäcke und Trennen der Abfälle zuständig sind. Ein Arbeiter kann hier mit umgerechnet fast 90 Euro im Monat rechnen. Allerdings gibt es in letzter Zeit Konflikte, da sich staatlich angestellte Müllentsorger oft zusätzlich bei den Waste Warriors auf die Liste setzen und so ein doppeltes Gehalt kassieren. Gleichzeitig sind die Waste Warriors auf gute Verbindungen zu den staatlichen Stellen angewiesen, da sie von ihnen Daten über die angefallenen Müllmengen benötigen.

Die Waste Warriors vom Himalaya kämpfen gegen Müllberge, Uneinsichtigkeit und mangelndes Abfallmanagement. In einem Land wie Indien, in dem Millionen Menschen jeden Tag ums Überleben kämpfen und viele Gebiete wahrhaftig im Müll versinken, ist es eine echte Sisyphusarbeit einzelne Menschen davon zu überzeugen, an Recycling zu denken. Manche der Umweltkrieger beklagen, dass einige Anwohner ihre Freiwilligenarbeit als selbstverständlich hinnehmen – sicher auch eine Folge des vertrackten Gesellschaftssystems, in dem „schmutzige“ Arbeiten nach wie vor an Kastenzugehörigkeiten gebunden sind.

Aber wer sich einmal an den Säuberungsaktionen beteiligt hat, weiß, dass auch große Dankbarkeit und Anerkennung von Einheimischen und Touristen gleichermaßen kommt. Und die mühselige Aufklärungsarbeit durch selbstgebastelte Schilder, Hausbesuche und Schulaktivitäten zeigt Wirkung, wie man an den sauberen Wanderwegen sehen kann. Seit 2012 haben die Warriors über 700 Tonnen wiederverwertbaren Müll von den Straßen geholt, fast 3.000 Tonnen Haushaltsmüll entsorgt und geschätzte 186.000 Quadratmeter Bergland gerettet – regional und lokal, organisiert durch Freiwillige, aus Liebe zur Natur.

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