Ohne Reue: Zukünftig wird Kleidung gemietet

Tschüss Wegwerfgesellschaft, hallo Kreislaufwirtschaft: Robina von Stein hat sich vorgenommen, die Modewelt zu revolutionieren. Sie will nichts weniger als einen Systemwechsel. Kleidung ist zu billig und verkommt in unserer Gesellschaft zunehmend zum Verbrauchsgegenstand. Aus diesem Grund hat Robina vor einem Jahr RE-NT gegründet. Ein Start-up, das Kleidung an seine Kunden vermieten und so die Industrie zum Umdenken bewegen will.

Aktuell liegen rund zwei Milliarden ungetragene Kleidungsstücke in deutschen Kleiderschränken. Laut der Greenpeace-Umfrage „Wegwerfware Kleidung“ liegt das vor allem daran, dass billig und zu viel gekauft, selten getragen und zu schnell weggeschmissen wird. Viele Modeketten bekommen inzwischen wöchentlich neue Kleidung und die Kunden kaufen sie gerne. Fast Fashion heißt dieses System, welches spätestens seit dem Unglück in der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch im April 2013 in der Kritik steht.

Die Idee: Mieten statt Kaufen

Bisher wurden vor allem Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gefordert. Robina von Steins Kritik setzt aber an der Wurzel des Systems an, welches für sie nicht mehr funktioniert. „Auf der einen Seite haben wir den Konsumenten, der an einem viel zu vollen Kleiderschrank erstickt. Auf der anderen Seite Produzenten, die an Retouren, Überproduktion und totem Inventar verzweifeln“, erklärt sie. So komme es schließlich auch dazu, dass Hersteller völlig intakte Ware einfach verbrennen. Obwohl die Textilindustrie ohnehin schon eine sehr ressourcenintensive Branche ist. Mit 1,7 Milliarden Tonnen CO2 trägt sie jährlich signifikant zu den globalen Treibhausgasemissionen bei. „Das sind zu hohe Kosten für den Planeten“, sagt von Stein, die diese nicht mehr mittragen möchte. Ihre Lösung: RE-NT. Kleidung soll in Zukunft nicht mehr verkauft, sondern nur noch vermietet werden.

Die Grundidee der Kleidervermietung ist nicht neu. Es gibt bereits einige Anbieter auf dem Markt. Allerdings beschränkt sich ein Großteil der Angebote auf Kleider für besondere Anlässe oder Kinder. Mit RE-NT will Robina ein alltagstaugliches System für jeden etablieren. Verliehen werden hier in erster Linie Trendteile. Also solche, die in der Regel nach kurzer Zeit nicht mehr getragen werden. Ihre Kunden haben die Wahl zwischen der einmaligen Miete eines Teils oder einem Abo. Ein/e Abonnent/in kann sich verschiedene Kleidungsstücke in einem virtuellen Kleiderschrank zusammenstellen und sich diese direkt nach Hause liefern lassen. Preislich startet das Angebot bei 35 Euro pro Monat oder 15 Euro pro Einzelteil. Worauf Robina von Stein viel Wert legt, ist die Styling-Beratung. Diese ist für jeden Kunden obligatorisch und dauert 15 Minuten. Sie hilft ihr und ihrem Team, den Kunden besser kennenzulernen und das künftige Sortiment zu planen.

Kleidung kreislauffähig designen

Wie soll nun aber aus der Wegwerfgesellschaft eine Kreislaufwirtschaft werden? Für Robina wird der Grundstein dafür schon vor der eigentlichen Produktion gelegt. „Es geht im Kern darum, ein System aufzubauen in welchem Kleider nicht für eine Wegwerfgesellschaft designet und produziert werden, sondern für eine Gesellschaft, in der Kleider wieder und wieder benutzt und verarbeitet werden“. Dafür setzt sich RE-NT schon vor einer möglichen Zusammenarbeit mit einer Modemarke intensiv auseinander. Dabei sind die verwendeten Materialien und deren mögliche Weiterverarbeitung wichtig. Denn nur, wenn wiederverwertbare Ausgangsstoffe für Kleidungsstücke verwendet werden, kann Kreislaufwirtschaft funktionieren.

Das Ziel ist dabei klar definiert: Hersteller sollen ihre Kleidung irgendwann nur noch verleihen, statt sie zu verkaufen und sich anschließend auch um die Wiederverwertung kümmern. Wie das funktionieren könnte, macht Robina von Stein vor. Hier wird jedes Kleidungsstück mit einer ID versehen. Auf ihr sind alle Materialinformationen gespeichert. So kann der Recyclingpartner des jungen Unternehmens jedes Kleidungsstück bestmöglich wieder in seine Ausgangsstoffe zerlegen. Sobald die RE-NT App für ihre Kunden verfügbar ist, können diese die ID auch auslesen und alle Informationen über die Materialien einsehen.

Ist Mieten wirklich Öko?

Wie viel nachhaltiger es genau ist, Kleidung zu mieten, statt zu besitzen, das will das Unternehmen seinen Kunden in Zukunft in seiner App zeigen. Abhängig vom Material werden die CO2-Emissionen sowie der Wasserverbrauch der Produktion des jeweiligen Stückes berechnet und in einer Datenbank hinterlegt. Auf Basis dieser Daten wird für jedes Kleidungsstück ganz individuell berechnet, wie viele Emissionen und wie viel Wasser im Vergleich zum Kauf gespart wurden.

Bisher sind allerdings nicht nur faire Stücke mit einer vorbildlichen Ökobilanz im Portfolio des Start-ups. RE-NT arbeitet aktuell mit Marken aller Art zusammen, die entweder schon nachhaltig sind oder sich gerade dahin entwickeln.

Dass das Leihen oder Teilen eines Gegenstandes dessen ökologischen Fußabdruck verbessert, ist an sich nicht neu. Die Sharing Economy stützt sich schon lange auf dieses Prinzip. Allerdings werden klassischerweise Dinge geteilt, die nicht täglich gebraucht werden. Bei Kleidung ist das anders, was zu erhöhtem Transportvolumen führt. Ein Problem, das Robina bekannt ist: „Wir arbeiten gerade an einer Möglichkeit, bei der unsere Kunden die Ware in den Städten direkt abholen und auch zurückgeben können“.

Minimum 400 Euro für Kleidung pro Jahr

Auch wenn das Leihen von Kleidung ökologisch überzeugt, bleibt die Frage nach der Praktikabilität und Finanzierbarkeit. „Wir haben ein sehr attraktives und transparentes Preis-Leistungsmodell. Wenn ein Kleidungsstück mehr als fünf Mal vermietet wurde, ist es günstiger, da es quasi Secondhand-Ware ist“, erklärt Robina von Stein. So sei für jeden etwas dabei. Aber was heißt das schon, wenn für ein Secondhand-Teil mit einer Mindestmiete von 15 Euro gerechnet werden muss? Kritiker wie Creative Consultant und Fachjournalist Joachim Schirrmacher bezweifeln, dass das Angebot für jeden bezahlbar ist. Schließlich entstehen alleine durch den Bezug einer Abo-Box Mindestkosten von mehr als 400 Euro pro Jahr.  Robina von Stein lässt sich davon aber nicht beeindrucken und arbeitet fleißig daran, ihre Vision der RE-NT Revolution zu verwirklichen.

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